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Die Evangelienharmonie des Eusebius

Reichenau, 2. Viertel des 11. Jh.
Bibliografische Angaben
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Überzeugende Ausdruckskraft hat die Reichenauer Buchmalerei zu einem Höhepunkt europäischen Kunstschaffens gemacht. Es sind gerade die Handschriften, die der ottonischen Kunst ihren Stellenwert in der Weltkunst gegeben haben. Eines dieser unwiederbringlichen Meisterwerke ist die beinahe ausschließlich aus ganzseitigen Miniaturen, Initialen und phantasievollen Kanontafeln bestehende Handschrift der Biblioteca Queriniana in Brescia.

Über ihre Entstehung und Geschichte ist nur wenig bekannt. Spätestens seit dem 14. Jh. gehörte der Codex zum Besitz der oberitalienischen Familie Lamberti, deren Wappen auch das allererste Blatt der Handschrift schmückt. Die Frage, ob der heute erhaltene Bestand ursprünglich aus zwei Handschriften zusammengesetzt worden ist oder nicht, wird vielleicht die künftige Forschung beantworten können.
Am Anfang des Codex stehen auf 19 Blättern 19 architektonische, künstlerisch ausgestaltete Canones-Bögen, die der Evangelienharmonie des Eusebius aus dem 4. Jh. als Rahmen dienen. Kein Blatt gleicht im prachtvollen Deko-
rum dem anderen, keine der farbenprächtigen Säulen ist mit einer anderen identisch; Giebel und Bögen antikisierender Architektur wechseln einander harmonisch ab, wobei sie mit den Symbolen der Evangelisten und christologischen, theriomorphen Allegorien geschmückt sind.

Auf Folio 20v beginnt dann das eigentliche Perikopenbuch mit elf ganzseitigen Miniaturen und zwölf Prunkinitialen, die, mit einer Ausnahme, zu Beginn der Festtagslesungen einander stets gegenüberstehen. Traditionell, aber äußerst expressiv ist die Taufe Christi wiedergegeben; lebendig präsentiert sich das Bild vom Einzug in Jerusalem. Von vielfältiger Stadtarchitektur umrahmt werden die Abendmahlszene und die Darstellung der Frauen am Grab. Unvergleichlich in ihrer künstlerischen Qualität ist die Höllenfahrt Christi, die zwei Blatt vor der Himmelfahrt der Handschrift eine unglaubliche Lebendigkeit gibt.

Den Abschluß des Miniaturenzyklus bilden das Pfingstwunder und die Darstellung des Todes Mariae, wobei letzteres Bild stark ikonenhafte Züge erkennen läßt.
Den Festtagscharakter des Buches unterstreichen auch die auf Purpurgrund gestellten Initialen zu den einzelnen Lesungen. Insbesondere deren orange Füllungen tragen zu jener Farbkraft bei, die für die ottonische Buchmalerei der Reichenau als typisch gelten kann.

Die Handschrift aus Brescia wird in der Literatur – wohl aufgrund ihres abgelegenen Aufbewahrungsortes – nur selten, dann aber mit höchster Wertschätzung erwähnt. Dieses Festtagsevangelistar dokumentiert die ästhetische Qualität der Reichenauer Buchmalerei auf dem Höhepunkt 
ihrer Entwicklung.