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Die Bible moralisée

Paris, 1220-1230
Bibliografische Angaben
Auf Anfrage

Erhältlich als Band 2 der Reihe Glanzlichter der Buchkunst

Die berühmte Bible moralisée ist eine der prächtigsten gotischen Handschriften aus dem 13. Jh. Auf den 136 Bildseiten finden wir insgesamt nicht weniger als 1032 Bildmedaillons und ein ganzseitiges Vollbild, das mit der Darstellung Gottes als Architekt des Universums ("Weltenschöpfer") große Berühmtheit erlangt hat. Diese hervorragende Handschrift tritt dem Betrachter als aufwendig gestaltetes Bilderbuch entgegen, wobei der Text, der in französischer Sprache abgefasst ist, eigentlich nur als Erläuterung der Illustration auftritt.

Wie die Bezeichnung dieser Handschrift besagt, herrscht in der Bible moralisée die moralische Schriftauslegung etwas vor, doch kennt sie auch alle anderen Spielarten der geistlichen Schriftexegese. Versucht man ihren Zweck zu umschreiben, wird man sie wohl ein Erbauungsbuch nennen dürfen. Da es sich aufgrund des hohen Aufwandes um eine ungewöhnlich kostspielige Handschrift gehandelt hat, war vermutlich eine sozial hochgestellte Persönlichkeit der Auftraggeber oder Empfänger.

Die einzigartige Wirkung dieser Bilderhandschrift geht von den goldgrundierten, farbigen Bildmedaillons aus, in denen Szenen aus Büchern des Alten Testaments dargestellt sind. Der Inhalt dieser Szenen ist schon allein durch diese Illustrationen lesbar; der begleitende Text fasst die jeweilige Passage zusammen oder paraphrasiert sie. Die Miniaturen überzeugen durch die Durchschlagskraft der Erzählung, ihre Eindeutigkeit und auch Drastik.

Die Gegenüberstellung von Bild und erklärendem Text biblischer Erzählungen ist uns nur durch wenige Handschriften überliefert. Unser Codex unterscheidet sich von anderen gleichzeitigen Handschriften durch die Farbigkeit, die insgesamt in der Grundmusterung und den Figuren gedämpft wirkt. Bei den Farben herrschen ein dunkles Blau und ein Rotbraun vor, das in den verschiedensten Abstufungen verwendet wird. Eine strahlende Wirkung erhalten die Bildseiten durch den dunklen Goldgrund. Lebendigkeit wird aber auch durch den gesteigerten Schwung und Impetus der Figuren erreicht. Die Kompositionen sind großzügig und füllen die Medaillons ganz aus. Oft überschreiten die bewegten Figuren auch den gesetzten Rahmen, wodurch die Wirkung der Erzählung dramatisch gesteigert wird.

 

 

Ein himmlisches Bilderbuch

Diese Bilderhandschrift, die auch ohne Text „lesbar“ ist, folgt durchgehend einem formalen Schema: Auf jeder Seite werden acht Medaillons auf gemustertem Grund zu einem Block zusammengefügt, der links und rechts von je vier Textabschnitten begleitet wird. Durch einen schmalen Rahmen wird das Ganze umschlossen. Inhaltlich gehören jeweils zwei untereinander stehende Bildmedaillons und die sie begleitenden Texte zusammen. Im oberen Textabschnitt wird eine Passage aus der Bibel zusammengefasst oder paraphrasiert, in der Miniatur daneben ist die Szene dargestellt. Der Textabschnitt darunter enthält eine Auslegung des Bibeltextes, die wiederum illustriert ist. Der Bildzyklus ist jeweils vom Bildpaar links oben beginnend zu lesen, anschließend das Bildpaar rechts oben, dann das links unten und schließlich rechts unten.

 

 

 

 

Gott als Architekt des Universums

Die berühmte Eingangsminiatur der Bible moraliseé stellt gleichsam als Titelbild Gott als Weltenschöpfer dar. In einem Bild ist hier die Erschaffung von Himmel, Erde, Sonne, Mond und allen Elementen zusammengefasst. Die Darstellung des ausschreitenden Schöpfergottes, der den Kosmos gleichsam vor sich herrollt, sich über ihn beugt und ihn mit dem Zirkel messend formt, hat nicht nur wegen ihrer Eindruckskraft die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sondern auch, weil sie wie kaum ein anderes Bild die Bedeutung des Messens und der Proportionen im Mittelalter zu veranschaulichen hilft.

 

 

 

 

Der Kommentarband

Ein zweisprachiger Kommentar (deutsch und französisch), der von Reiner Haussherr verfaßt wurde, gibt eine ausführliche Einführung in die Handschrift. In der Reihe „Glanzlichter der Buchkunst“, Band 2, ist als Anhang auch die Übersetzung der französischen Bibeltexte von Hans-Walter Stork beigefügt.